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Schattenliebe
So, wie jeden Sonntag sitzt der alte Mann auf der ersten Bank von Bahnsteig 2 und starrt in die Ferne. Sein Blick scheint sich im Nichts verankert zu haben und sein Gesicht wirkt maskenhaft starr.
„Warum sitzt der Typ eigentlich jeden Sonntag stundenlang einfach nur da und geht dann wieder nach Hause?“, fragt der Lehrling den alten Eisenbahner Pit während des morgendlichen Kontrollganges.
Pit hält einen Moment inne und sein Blick ruht sekundenlang auf den schwarz gekleideten Mann auf der Bank.
„Eine traurige Geschichte“ murmelt er. “Das ist eine traurige Geschichte. Seit fünfunddreißig Jahren sitzt Henry hier jeden Sonntag auf der Bank und wartet wahrscheinlich immer noch auf seine Magdalena.“
„Hä?“ Dennis verzieht sein Gesicht ungläubig.“ Seit fünfunddreißig Jahren?“
„Ja“, brummt Pit. „Das ist wahrhaftig wahre Liebe. Obwohl die Dame ihn wohl auf unschöne Art und Weise abserviert hat.“
„Wie denn?“, fragt Dennis seinen Vorgesetzen mit unverhohlener Neugier.
„Ach, sie ist damals verreist - ich glaube nach Amsterdam - und nie mehr zurückgekommen. Sie hat sich nicht einmal mehr gemeldet. Es gab Gerüchte, dass sie in der Amsterdamer Drogenszene gesehen wurde aber was sie heute macht oder wo sie steckt weiß keiner. Damit hat sie Henry gebrochen. Der arme Kerl ist damit nie fertig geworden und Du siehst: er wartet heute immer noch auf sie.“
Er deutet mit dem Kopf auf die traurige Gestalt auf der Bahnhofsbank.
„Aber sie war schon immer so ein unstetes Ding mit lauter Flausen im Kopf. Künstlerin nannte sie sich – aber schöne lange, rote Haare hatte sie. Ja, sie war hübsch.“
Pit nickt anerkennend bei der Erinnerung an die junge Frau von damals.
„Aber kein Weibsbild ist wert, dass man ihr so lange hinterher trauert“ klärt er Dennis weiter auf.
„Und jetzt habe ich Hunger, komm.“
Vier Stunden später steigt alte Mann die Treppen vom Bahnsteig hinab und schlurft durch den Bahnhof wieder in Richtung Ausgang. Doch bevor er hinausgeht kauft er in dem kleinen Blumengeschäft im Bahnhofsinneren eine Sonnenblume. Aber er wählt nicht irgendeine aus dem blauen Eimer. Bedächtig wandern seine Augen von Blume zu Blume und erst nach einer Weile zieht er eine heraus und lächelt für einen kurzen Augenblick.
Zuhause, auf der Steinbank in seinem Garten, neben dem Holunderbusch, hält er die Sonnenblume immer noch in seinen Händen und murmelt leise vor sich hin.“
„Ich habe dir heute etwas mitgebracht Magdalena.
Sie kann sich zwar mit deiner Schönheit nicht messen…“er legt die Sonnenblume neben sich auf die Bank und schluckt bevor er weiterredet. “Ich werde nicht mehr zum Bahnhof gehen. Ich bin alt meine Liebste.“ Seine Augen verfolgen die Libelle, die sich der Sonnenblume nähert um dann doch wieder gen Himmel hinaufzufliegen.
„Ich bin in all den Jahren nicht davon gefahren. Sooft habe ich mir gesagt, dass ich in den nächsten Zug steige und alles hinter mir lasse. Dich und die Erinnerungen. Aber ich habe es nicht geschafft dich hier allein zurück zu lassen.
Ich habe den Zügen nachgesehen, die mich lockend in ein neues Morgen führen wollten, in ein seliges Vergessen mit der Leugnung und Verfälschung des Gewesenen zu einer künstlichen Wiedergeburt. Doch dazu hätte ich dich in mir töten müssen.
Mit zittriger Hand streicht er zärtlich über eines der grünen Blätter des Busches.
„Nicht noch einmal Liebste.“ Tränen laufen ungebremst seine Wangen hinunter und verlieren sich im Halsbereich.
„Als Du damals plötzlich vor mir standest und mir sagtest, dass du nur ein paar Sachen holen willst und mich dann für immer verlässt, da war ich nicht mehr Herr meiner Sinne.“
Seine Stimme klingt brüchig und seinen eigenen Ohren fremd. “Vielleicht wärst du ja doch zurückgekommen“, murmelt er jetzt mehr an sich selbst gerichtet.
Dann beugt er sich tief hinunter zum Holunderstrauch
„Es tut mir so leid...ich kann es nicht ungeschehen machen…ich hoffe nur dass du mir verzeihen kannst Lena…ich werde mir nie verzeihen können…“
Henrys Stimme verstummt und sein müder Körper lehnt sich schief gegen die Mauer hinter der Bank. Seine Augen schauen in weite Ferne. Vorbei an den gelben Feldern, jenseits des Gartenzauns, über die die flirrende Hitze eines heißen Sommertages liegt.
Und während die Schatten langsam länger werden und das Abendrot durch die Bäume des kleinen Gartens Einzug hält, wird sein Blick in die Ferne immer weiter und verliert sich schließlich mit dem Einzug der Nacht in der Unendlichkeit.
© Sylvie Caputo-Grohne
„Warum sitzt der Typ eigentlich jeden Sonntag stundenlang einfach nur da und geht dann wieder nach Hause?“, fragt der Lehrling den alten Eisenbahner Pit während des morgendlichen Kontrollganges.
Pit hält einen Moment inne und sein Blick ruht sekundenlang auf den schwarz gekleideten Mann auf der Bank.
„Eine traurige Geschichte“ murmelt er. “Das ist eine traurige Geschichte. Seit fünfunddreißig Jahren sitzt Henry hier jeden Sonntag auf der Bank und wartet wahrscheinlich immer noch auf seine Magdalena.“
„Hä?“ Dennis verzieht sein Gesicht ungläubig.“ Seit fünfunddreißig Jahren?“
„Ja“, brummt Pit. „Das ist wahrhaftig wahre Liebe. Obwohl die Dame ihn wohl auf unschöne Art und Weise abserviert hat.“
„Wie denn?“, fragt Dennis seinen Vorgesetzen mit unverhohlener Neugier.
„Ach, sie ist damals verreist - ich glaube nach Amsterdam - und nie mehr zurückgekommen. Sie hat sich nicht einmal mehr gemeldet. Es gab Gerüchte, dass sie in der Amsterdamer Drogenszene gesehen wurde aber was sie heute macht oder wo sie steckt weiß keiner. Damit hat sie Henry gebrochen. Der arme Kerl ist damit nie fertig geworden und Du siehst: er wartet heute immer noch auf sie.“
Er deutet mit dem Kopf auf die traurige Gestalt auf der Bahnhofsbank.
„Aber sie war schon immer so ein unstetes Ding mit lauter Flausen im Kopf. Künstlerin nannte sie sich – aber schöne lange, rote Haare hatte sie. Ja, sie war hübsch.“
Pit nickt anerkennend bei der Erinnerung an die junge Frau von damals.
„Aber kein Weibsbild ist wert, dass man ihr so lange hinterher trauert“ klärt er Dennis weiter auf.
„Und jetzt habe ich Hunger, komm.“
Vier Stunden später steigt alte Mann die Treppen vom Bahnsteig hinab und schlurft durch den Bahnhof wieder in Richtung Ausgang. Doch bevor er hinausgeht kauft er in dem kleinen Blumengeschäft im Bahnhofsinneren eine Sonnenblume. Aber er wählt nicht irgendeine aus dem blauen Eimer. Bedächtig wandern seine Augen von Blume zu Blume und erst nach einer Weile zieht er eine heraus und lächelt für einen kurzen Augenblick.
Zuhause, auf der Steinbank in seinem Garten, neben dem Holunderbusch, hält er die Sonnenblume immer noch in seinen Händen und murmelt leise vor sich hin.“
„Ich habe dir heute etwas mitgebracht Magdalena.
Sie kann sich zwar mit deiner Schönheit nicht messen…“er legt die Sonnenblume neben sich auf die Bank und schluckt bevor er weiterredet. “Ich werde nicht mehr zum Bahnhof gehen. Ich bin alt meine Liebste.“ Seine Augen verfolgen die Libelle, die sich der Sonnenblume nähert um dann doch wieder gen Himmel hinaufzufliegen.
„Ich bin in all den Jahren nicht davon gefahren. Sooft habe ich mir gesagt, dass ich in den nächsten Zug steige und alles hinter mir lasse. Dich und die Erinnerungen. Aber ich habe es nicht geschafft dich hier allein zurück zu lassen.
Ich habe den Zügen nachgesehen, die mich lockend in ein neues Morgen führen wollten, in ein seliges Vergessen mit der Leugnung und Verfälschung des Gewesenen zu einer künstlichen Wiedergeburt. Doch dazu hätte ich dich in mir töten müssen.
Mit zittriger Hand streicht er zärtlich über eines der grünen Blätter des Busches.
„Nicht noch einmal Liebste.“ Tränen laufen ungebremst seine Wangen hinunter und verlieren sich im Halsbereich.
„Als Du damals plötzlich vor mir standest und mir sagtest, dass du nur ein paar Sachen holen willst und mich dann für immer verlässt, da war ich nicht mehr Herr meiner Sinne.“
Seine Stimme klingt brüchig und seinen eigenen Ohren fremd. “Vielleicht wärst du ja doch zurückgekommen“, murmelt er jetzt mehr an sich selbst gerichtet.
Dann beugt er sich tief hinunter zum Holunderstrauch
„Es tut mir so leid...ich kann es nicht ungeschehen machen…ich hoffe nur dass du mir verzeihen kannst Lena…ich werde mir nie verzeihen können…“
Henrys Stimme verstummt und sein müder Körper lehnt sich schief gegen die Mauer hinter der Bank. Seine Augen schauen in weite Ferne. Vorbei an den gelben Feldern, jenseits des Gartenzauns, über die die flirrende Hitze eines heißen Sommertages liegt.
Und während die Schatten langsam länger werden und das Abendrot durch die Bäume des kleinen Gartens Einzug hält, wird sein Blick in die Ferne immer weiter und verliert sich schließlich mit dem Einzug der Nacht in der Unendlichkeit.
© Sylvie Caputo-Grohne
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© Sylvie Caputo-Grohne
