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Der neue Tag
Der neue Tag
stellt mir nach, während ich den Duft vom Regen wahrnehme, der da noch kommen
wird. Die Regentropfen in mir laufen indes an den inneren Wänden meiner Hülle
aus Fleisch und Blut entlang, sammeln sich zu einem tiefen dunklen Gewässer und
schwemmen Erinnerungen und Bilder hervor, die sich wie Steine schwer in mich
legen und jeden meiner Schritte unendlich mühsam machen. Es tut weh. Die
Betäubung der letzten Tage löst sich langsam auf und die Realität flutet wie
Gift durch meinen Kopf.
Der neue Tag ruft meinen Namen. Fordernd greift
er mit seinem Orchester aus Geräuschen & Tönen nach mir und ich wünsche mir
das selektive Gehör eines Hundes. Ich lache ihm laut und irre entgegen und
sinke in die Knie, bittend er möge an mir vorüberziehen. Mich nicht beachten.
Ignorieren. Nur heute.
Das Klopfen an der Tür hört nicht auf,
während es als Echo in meiner linken Schläfe verweilt und ich mir am liebsten
schreiend mein gestärktes Hemd vom Leibe reißen möchte. Meine trockene Kehle
giert nach bernsteinfarbenem Whisky und verhandelt wie eine Hure mit dem
Verstand.
Ja, der neue Tag hat etwas Lächerliches und Ordinäres an sich. Er ist grell,
unerbittlich und penetrant. Könnte ich ihn nur erschießen mit all seinen
Minuten und Stunden und ihm das Herz herausreißen. Gott! Oh ja Gott.
Hasserfüllt sehe ich ihn im Spiegel an und strecke mir die Zunge heraus. Ihn
sollte ich erschießen. Dann müsste ich keinen Morgen wie diesen mehr erleben
und könnte in der kalten Dunkelheit des Nichts vergehen. So wie sie jetzt
vergeht. Alles vergeht. Geliebte Menschen vergehen. Wir tragen sie zu Grabe und
bleiben mit unserem Schmerz und der Ohnmacht allein zurück.
Der neue Tag ist plötzlich ganz leise und
still, fast so als wolle er mich beruhigen. Misstrauisch hebe ich den Kopf und
lausche. Ich höre nichts. Absolut nichts. Kein Lärm ist mehr von der Straße her
zu hören und jedem Vogel im Garten scheint das Lieder-Repertoire ausgegangen zu
sein. Eine befremdliche und fast unheimliche Stille legt sich auf meine Brust.
Dann schlägt die Uhr im Wohnzimmer laut durch die Stille und eine Amsel vorm Fenster schreit empört und erschrocken auf und fliegt davon und wie ein Flüstern legt sich urplötzlich ein erlösender Gedanke in mich und lässt mich für einen Moment wieder atmen.
Die Glocken der Basilika läuten und es klopft erneut an der Tür. Ich streife mir die schwarze Anzugjacke über und öffne. Beim Hinausgehen fährt mir der Tag beinahe zärtlich mit einer Windböe durch das Haar und wiederholt sein Versprechen - auch er würde vergehen.
© Sylvie Caputo-Grohne
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